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Ein Vater an seine Kinder.

Ermahnungen und Ratschläge eines Vaters an seine Kinder.
Mitgeteilt von D. Willner

Münster (Westf.) – Verlag der Alphonsus – Buchhandlung (A. Ostendorff), 1907.

Statt eine Vorwortes:

Wien, 27.12.1906
Hochwürdiger Herr Vater!

Sie wünschen mein Gutachten, ob es angezeigt sei, die Ermahnungen des „Vaters an seine Kinder“ herauszugeben. Ich sage unbedenklich ja. Mich hat das Manuskript im höchsten Grad ergriffen und erhoben. Man fühlt eine reinigende, klärende Wirkung davon ausgehen, wenn auch zugegeben werden muss, dass Neues und Außerordentliches nicht darin behandelt wird. Aber gerade darin liegt die Bedeutung. Man blickt in ein schlichtes Leben und eine schlichte Seele so unmittelbar hinein, wie das kaum in einem großen Memoirenwerk geschieht, am allerwenigsten in einem erfundenen Roman. Man beugt sich freudig vor der sicheren Größe dieses Geistes, der sich ganz in Gewalt hat und zeigt, wie man auch in den bescheidensten Verhältnissen vollkommen sein kann. Ich bin überzeugt, dass die Drucklegung dieser Handschrift um so mehr Nutzen stiften wird, als sie durchaus nicht für den Druck geschrieben worden ist. Wie wertvoll ist gerade das! –

Sie wünschen weiters, dass ich eine kurze Vorrede schreibe. Dazu sage ich nein, denn das wäre eine Überhebung. Wir mühselig nach Gestaltung und nach Wirkung jagenden Schriftsteller haben nicht das Recht, uns zu Patronen und Gönnern eine so über alle Schriftstellerei erhabenen, reinen Menschen zu machen. So unmittelbar aus der Sache herauszuschreiben, ohne schriftstellern zu wollen, ist vielmehr das Ideal aller Schriftstellerei. Mögen Sie noch manche so schöne Entdeckung machen und erhalten! Dazu beglückwünscht Sie Ihr
ergebener
Richard von Kralik.

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Ein Vater an seine Kinder.

Ermahnungen und Ratschläge eines Vaters an seine Kinder, mitgeteilt von D. Willner

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts (ca. 1860) starb ein Mann, namens Georg Teichmann, der nach einer kinderlosen ersten Ehe in einem etwas vorgerückten Alter sich noch einmal genötigt sah, in den Ehestand zu treten. Dieser zweiten Ehe entsprossen drei Kinder. Der heiligmäßige Mann und liebevolle Vater, der sich wohl bewusst war, dass es ihm nicht vergönnt sein werde, die Erziehung seiner Kinder bis zu dem Zeitpunkte zu leiten, wo sie sich selbst überlassen sein könnte, er achtete es nun für seine Pflicht, seinen lieben Kindern die nötige Weisungen und Ratschläge wenigstens schriftlich zu hinterlassen, damit sie dereinst eine Richtschnur hätten, der sie folgen könnten. Er schrieb diese Ermahnungen und Ratschläge, die es verdienen, auch von anderen gekannt zu werden, während einer Zeit von mehren Jahren nieder und er hätte, um auch das zu sagen, wenn es ihm beschieden gewesen wäre, die Genugtuung erlebt, dass seine Kinder wirklich den Weg der Tugend ging und sogar den Stand der Vollkommenheit erwählten. Die Kinder, es waren drei Töchter, zogen die Stille des Klosters dem Lärme der Welt vor, um dem Herrn in der Einsamkeit zu dienen. Zwei von ihnen sind bereits in ein besseres Jenseits heimgegangen.

Wir lassen den Wortlaut dieses Testaments hier folgen.

Anno 1852.

Mein liebes Kind Maria!

Da ich wegen meines Alters und Deiner Kindheit nicht hoffen kann, dass ich solange leben werde (obwohl bei Gott zwar alles möglich ist) – denn ich bin jetzt im zweiundsechzigsten und Du im zweiten Jahre -, bis Dein Verstand so fähig geworden, die guten und verständigen Lehren von mir, Deinem Vater, aufzunehmen, so halte ich es für meine Pflicht, Dir die guten, wohlgemeinten Lehren und Ermahnungen, die aus dem Innersten meines väterlichen Herzens quellen, als den größten Schatz und Erbteil zurücklassen, und ich hoffe, dass Du die wohlgemeinten Ermahnungen Deines Vaters mit ebenso gutem und bereitwilligen Herzen annehmen und durch Dein ganzes Leben befolgen wirst, als wie ich sie Dir zurücklasse. Ich bitte Gott, dass Er Dein Herz zu einem so guten Acker umschaffen möge, dass Du das göttliche Samenkorn, das ich hier darein säe, als auch das, was Du in Predigten hören oder in guten Büchern lesen wirst, mit gleicher Freunde und Bereitwilligkeit aufnehmen, in Deinem Herzen bewahren und Wurzeln schlagen lassen wirst, damit das Wort Gottes aus Deinem Herzen hervorgehe und durch Deinen Lebenswandel hundertfältige Früchte bringen möge.

Fürs erste, liebes Kind, kannst Du Gott schon recht herrliche danken, dass Du so glücklich bist, eine gute, religiöse Mutter zu haben, welche Dir i allen Stücken zu Deinem Glücke dienen wird. Daher befolge nicht nur in allem ihre Befehle und Ermahnungen genau, sondern befleiße Dich von Jugend an, dem Lebenswandel Deiner Mutter nachzufolgen: Sei, wie sie, fleißig in der Arbeit, sparsam, verschwiegen, stille, und liebe wie sie die Einsamkeit und das Stillschweigen. Dafür aber unterhalte Dich viel durch Betrachtungen und Gebete mit Gott, Deinem himmlischen Vater, wie Deine Mutter immer zu tun gewohnt ist; verwende dazu die freien Stunden, sowie die Zeit des unnützen Schlafes. …. Gewöhne Dich von Jugend an, liebes Kind, mit Gott, Deinem himmlischen Vater, so zu sprechen, als wenn Du mit mir, Deinem leiblichen Vater, sprechen wolltest; den ich kann nicht bei Dir sein, aber Gott hört und sieht Dich überall, ist gleichsam immer bei Dir, Du brauchst Dich nicht an gewisse Gebetsformeln zu binden, d.h., Du hast Dich nicht zu bekümmern, mit welchen Worten Du Gott Deine Anliegen vortragen willst, sondern spricht nur mit Gott in Einfalt und Aufrichtigkeit Deines Herzens, so wird Dich der gütige Vater immer erhören; denn solche Anbeter liebt Gott am meisten. Gedenke immer der Worte Jesu, wo er sagt: „Wenn Du beten willst, gehe in Deine Kammer, schliss die Tür hinter Dir zu und bete im Verborgenen zu Deinem himmlischen Vater; und Dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es Dir vergelten.“ Denke aber nicht, dass Du immer im Verborgenen beten müsstest! nein! Sondern nur da, wo es die Umstände fordern. Übrigens aber, wenn man das Glück hat, mit mehreren Guten in einem Hause zu leben, so ist es nicht nur sehr schön, sondern es ist Gott angenehm, wenn wir mit mehreren in Gemeinschaft beten, was besonders frühe, mittags und abends am schicklichsten geschehen kann. Dabei darfst Du nicht unterlassen, so oft es Deine Arbeit und Umstände erlauben, das Haus Gottes, die Kirche zu besuchen, um dort mit der Gemeinde Gott zu verehren und anzubeten. Da höre nicht darauf, was etwa ein Spötter, ein Gottloser dazu spricht! Lass Dich durch seine ärgerlichen Worte ja nicht irre machen, und wenn sie noch so geschickt ausfallen sollten. Denke: das sind die Boten des Teufels, die in der Welt umhergehen, die Menschen zu verführen, von dem Weg zum Himmel abzuhalten und auf die Bahn zu Hölle zu leiten. Denke ja nicht, dass es eine Schande sei, wenn sie Dich eine Betschwester nennen! Das ist vielmehr eine Ehre; aber es wäre eine Schande, wenn man Dich eine Tanzschwester, eine Putzdocke nennen könnte…..

Daran erkennt man vielmehr die guten und bösen Menschen, wenn man die Lasterhaften sagen hört, dass sie einen Tugendfreund Betbruder oder Betschwester nennen. Und wenn Du wirklich, mein Kind, wegen der Religion und Tugend von jemandem verspottet würdest, so denke, dass das ein großes Glück für Dich ist, für Gott etwas leiden zu können; denke der Worte Jesu, wo er sagt: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; der Knecht ist nicht über seinen Herrn,“ und bleibe unveränderlich auf dem Wege der Tugend, der Frömmigkeit, bekenne durch Deine Worte und Taten, dass Du Dich vor niemand schämst, Gott zu dienen, sondern dass es Dir vielmehr Ehre macht. Erinnere Dich immer der Worte unseres Heilands, wo er spricht: „Wer sich meiner vor den Menschen schämt, dessen werde ich mich auch vor meinem himmlischen Vater schämen; wer mich aber vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor dem himmlischen Vater bekennen.“ Ferner: „ Lasset euer Licht (euern frommen, tugendhaften Wandel) leichten vor den Mensche, damit sie eure guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen…..“

Anno 1853.
Liebes Kind!

Du bist so glücklich, von Gott einen gesunden Körper und gerade taugliche Glieder empfangen zu haben, für welches Glück Du Gott nicht genug danken kannst; denn dies ist die erste Grundlage zum menschlichen Glücke – dabei bemerke ich zur größten Freude, dass Dir Gott auch gute Geistesgaben mitteilt, kurz, ich sehe schon in Deiner zarten Kindheit, dass Dir der himmlische Vater alles gibt, wodurch Du zeitlich und ewig glücklich werden kannst. Es wird also nur auf Deine eigene Anwendung ankommen, dieses großen Glückes teilhaftig zu werden. Daher halte ich es für meine väterliche Pflicht, Dir die Wege zu zeigen, auf denen Du glücklich, und auch jene, auf denen Du unglücklich werden könntest.

Die meisten Menschen glauben, dass Glück bestehe bloß in Reichtümern, und darnach pflegen sie zu sagen, jene Person sei sehr glücklich, die vielen Güter erlangt hat. Dass diese Meinung höchst unvernünftig und unwahr ist, dies beweisen die menschlichen Schicksale mit jedem Tag; denn wie viele Menschen, von reichen Eltern geboren und erzogen sehen wir nun in Armut, Not und Verachtung; dagegen haben wir täglich Gelegenheit, Menschen zu sehen, die von den ärmsten Eltern erzogen wurden, nun im Wohlstande, in Ehre und Zufriedenheit leben. Denn, mein Kind, das präge Deinem Verstand, Deinem Herzen tief ein, dass des Menschen Glück nicht in Reichtümern, in Häusern, Äckern, Geld und dergleichen bestehe; denn sonst müsste n alle diese Besitzer vollkommen glücklich sein, nein! Diese Dinge sind nur Mittel, welche zum menschlichen Lebern erforderlich sind und zum Glücke beitragen können …. Das wahre Glück besteht oder befindet sich im Innern des Mensche selbst. „nicht außer uns, sondern in uns müssen wir das Glück suchen, wenn wir es finden wollen; außer uns werden wir es vergebens suchen“ spricht ein weiser Mann. Darum ist das Leben der meisten Menschen ein beständiges Suchen und ein ewiges Nichtfinden. Du musst dich bestreben, die Zufriedenheit zu erlangen; denn nur der ist glücklich, welcher zufrieden lebt. Allein zur Zufriedenheit zu gelangen, das ist die größte Kunst des Menschen. Und dies, mein Kind, ist es, was ich Dir hier besonders zeigen oder lehren will.

Du wirst nun fragen, wie man den die Zufriedenheit erlangen kann? Nicht etwa, wie eine Wissenschaft oder Kunst kann man sie erlernen, nein, sondern sie ist wie ein kostbarer Schatz und hat ihren Sitz bloß im menschlichen Herzen, sie ist göttlicher Natur und daher bloß des Tugendhaften Eigentum. Mein Kind! Bestrebe Dich nur von Jugend auf, die Gebote Gottes in allem pünktlich zu beobachten, weiche jeder Gelegenheit zur Sünde aus, ertrage die Leiden, die Beschwerden mit Geduld, tue Gutes, wo es Dir nur immer möglich ist, gib Almosen mit fröhlichem Gemüt; hast Du viel so gib reichlich, hast Du wenig, so gib auch von dem Wenigen den Armen, befiehlt Gott. Rufe Gott täglich an, so oft es Deine Umstände erlauben, um seinen Beistand und seine Gnade an! Verzeihe Deinem Feind, Deinem Beleidiger vom Herzen! Dadurch wirst Du den Grund zu diesem göttlichen Schatz, zur Zufriedenheit in Deinem Herzen legen; denn wenn Du in diesem tugendhaften Lebenswandel eine Zeit ausharrest, so wirst Du allmählich eine himmlische Freude in Deinem Herzen empfinden, wie Du auch bei jeder vollbrachten guten Tat einen Funken davon empfinden wirst. Wirst Du mein Kind, Gott in der Tugend getreu bleiben, so wird diese innere Freude sich in Deinem Herzen festsetzen, woraus der innere Friede, die Ruhe des Herzens, mit einem Worte, die Zufriedenheit entsteht. Hast Du einmal die Zufriedenheit der Seele erworben, dann musst Du selbe durch beständig reinen Lebenswandel zu erhalten suchen, Dich durch nichts davon abwendig machen lassen, sei es durch Drohungen, sei es durch Verheißungen oder durch Reizungen zur Sünde. Das ist das wahre Glück des Menschen; denn dies macht Dich in jeder Lage glücklich; geht es Dir gut, so wirst Du Gott dafür danken und auf diese Art das Glück doppelt genießen, treffen Dich Leiden, so wirst Du sie Gott zu Liebe geduldig ertragen und sie werden wieder bald enden; bist Du gesund, so wirst Du mit Deinem gesunden Körper Gottes Willen in allem zu erfüllen suchen, bist Du krank, so wirst Du die Leiden der Krankheit mit dem Leiden Jesu vereinigen und Gott zur Genugtuung für Deine Sünden aufopfern. Wirst Du von Menschen geliebt, so traue ihnen nicht zu viel; denn die Dich heute lieben, können Dich morgen hassen. Wirst Du angefeindet, verfolgt, – betrübe Dich nicht zu sehr; denn das ist der gewöhnliche Gang der Menschen; denn die Dich heute anfeinden, könnten bald Deine Freunde werden. Kurz, es mag Dir begegnen, was nur immer wolle, so wird Dich Deine innere Zufriedenheit, welche aus einem religiösen, tugendhaften Lebenswandel, entspringt, glücklich machen. Und dieses Glück kann Dir niemand rauben, weil es von Gott, unserm himmlischen Vater, gegeben ist.

Und solltest Du manchmal, wie Gott jedes seiner liebenden Kinder heimsucht (wie die hl. Schrift sagt: „Gott prüft jedes Kind, das Er zu Gnaden aufnimmt, durch Leiden und Trübsale, ob es ihm auch im Unglück getreu bleiben wird“), in Deiner Seele Trockenheit, Leere, freudenleere Stunden empfinden, so betrübe Dich ja nicht darüber, sondern denke, dass dies eine göttliche Prüfung ist, ob Du auch in Misstrost Gott getreu bleiben wird. Nimmt nur in solchen traurigen Stunden Deine Zuflucht sogleich zum Gebete, bitte Gott, dass Er Dich nicht über Deine Kräfte versuchen möge, nimm die heilige Schrift oder sonst eine gutes Religionsbuch zur Hand (besondere Dienste wird Dir in solchen Fällen das Buch: „Vorhallen der seligen Ewigkeit“, welches ich Dir zurückgelassen, erweisen) und Deine Traurigkeit wird sich wieder in Freude verwandeln.

Denn, mein Kind, sobald Du zum Gebrauche der Vernunft kommst, werden sich auch, wie sich die Vernunft entwickelt, mit derselben allerlei Wünsche in Deinem Herzen bemerkbar machen: bald wirst Du Dir das, bald jenes wünschen; weil dem jungen Menschen alles neu ist, so gefällt ihm auch sehr vieles, dies erzeugt die Wünsche und die Wünsche die Unzufriedenheit. Wenn sich daher der Mensch nicht gleich in seiner Jugend zu Gott wendet, so wird die Welt mit ihren Reizungen sein Herz einnehmen, er wird anfangen, nur nach lauter irdischen Dingen zu trachten und wird so zu sagen ein Weltmensch. Und je mehr er nach weltlichen Dingen strebt, desto unzufriedener wird er werden; und wenn er auch viele Dinge erhält, nach denen er bestrebt war, so wird er doch nicht zufrieden werden, sondern immer noch begieriger, mehr und noch andere Dinge auch zu erlangen, mit einem Worte: je mehr der Mensch erwirbt, desto unzufriedener wird er.

Und das hat Gott so eingerichtet, damit der Mensch aus sich selbst seine Bestimmung erkennen lerne, dass er nicht bloß für diese Welt, sondern für eine andere Welt geschaffen sei, dass ihm diese Welt mit allen ihren Gütern die Zufriedenheit nicht geben können, also nicht wahrhaft glücklich zu machen imstande sei. Dagegen können sich die Tugendhaften auch überzeugen, dass sie die wahre Bestimmung gefunden haben, indem sie zufrieden leben, ob sie reich oder arm sind oder im Mittelstande leben; denn die Zufriedenheit entspringt aus der Seele, ist ein geistiger Schatz, ein Gut, das hier niemand rauben kann, weil es in der Geisteswelt in der Ewigkeit erst seine Heimat, seine Vollendung hat und uns Menschen schon hier von der Unsterblichkeit der Seele, von der Belohnung der Tugendhaften überzeugt.

Besonders muss ich Dich, liebes Kind, hier den Hauptfeind kennen lehren, welcher die meisten Menschen gleich von Jugend auf von der Tugend und Laster, von Gott zur Welt, vom Glück zum Unglücke und so endlich vom Himmel zur Hölle treibt – und dieser Feind, was meinst Du, wer er ist? Dieser Feind wohnt in jedes Menschen Herzen, wird von uns nicht wieder angefeindet, sondern geliebt. Sein Name ist – Wollust. Die Reigung zur Wollust ist es, welche den Menschen von dem Wege der Religion, von der Tugend wegführet und Lasterhaftigkeit hinleitet. Die Begierlichkeit ist es, welche im Menschen den ersten Gedanken erzeugt: Wenn doch dies keine Sünde wäre! Wenn doch Gott dies nicht verboten hätte! So fängt der Mensch an, sich von Gott zu entfernen. Bleibt er dann bei seinem Gedanken, bei diesem Wünsche, so wird er sich allmählich, ohne es zu bemerken, von Gott immer mehr abwenden, er wird die guten schönen Lehren und Ermahnungen, welche er von seinen Eltern und Lehrern erhalten hat nicht mehr lieben, sondern Abneigung dagegen empfinden. Wenn der junge Mensch diesen Gedanken nicht sogleich aus seiner Seele verdrängt, sondern diesem Gedanken Raum gibt, wird er auch bald aufhören tugendhaft zu sein; denn dies ist der Anfang eines lasterhaften Lebens, der Anfang alles Unheils, alles Unglücks. Ich habe viele Menschen gekannt, welche von Jugend auf nicht böse waren, aber welche die Begierlichkeit durch die Religion nicht unterdrückt haben, daher in das Laster der Unzucht gefallen sind, und weil es nicht leicht ist, sich aus diesem Laster zu erheben, außer der Mensch gibt sich viele Mühe und ruft Gott recht inständig und anhaltend um Verzeihung und seinen Beistand an, so sind sie auch in andere Laster verfallen, bis sie gänzlich lasterhafte Menschen wurden und in namenloses Verderben stürzten.

Mein Kind, wenn man aber von dem Laster der Wollust befreit sein und die so schöne Tugend der Keuschheit behalten will, so muß man auch alle Mittel dazu anwenden und alle Gelegenheiten zu diesem Laster sorgfältig meiden. Nicht wahr, mein Kind, wenn man sich nicht verbrennen will, muß man dem Feuer ausweichen, wenn man sich nicht beschmutzen will, darf man sich unreinen Gegenständen nicht nahn. Dies gilt auch von der Verunreinigung der Seele. Man muß erstens allen Gelegenheiten zur Unreinigkeit ausweichen, jede Gesellschaft fliehen, wo sündhafte Reden geführt werden, die Unkeuschheit als ein kleiner Fehler geschildert wird, wenn nicht gar die Unkeuschheit gelobt und die Keuschheit getadelt wird. Dergleichen Gelegenheiten gibt es sehr viele, wo das Laster der Unzucht gelobt und die Tugend der Keuschheit getadelt wird. Solche Menschen geben sich besonders Mühe, gut erzogene, religiöse Kinder von der Bahn der Tugend abzulenken und das Netz der Wollust zu verstricken und ins Unglück zu stürzen. Solche Beispiele habe ich in meinem Leben mehrere erfahren. Solche Menschen, mein Kind, betrachte als Boten des Teufels; denn sie sind auch nichts anderes. Weil der höllische Geist nicht persönlich zu uns kommen kann, so sendet er seine Boten, die lasterhaften Menschen, welche das Werk des Teufels, die Unschuld, die Tugend zu verführen, recht tätig ausüben. Solchen Häusern, solchen Personen mußt Du schon von weitem ausweichen; denn wer sich in die Häuser der Lastenhaften begibt oder mit einer solchen Person umgeht, wird nicht rein davonkommen. Denn, mein Kind, in diesen Fällen verhält es sich mit uns Menschen geradeso wie mit Holz und Feuer; das Holz hat auch das Feuer in sich, brennt aber nicht eher, als bis es vom Feuer entzündet wird. Das nämliche gilt von uns. Jeder Mensch hat die Neigung zur Wollust in sich, – er kann aber doch keusch leben, wenn er nur ernstlich will, – naht er sich aber unzüchtigen Personen, so hat er sich dem Feuer gehähert, welches ihn nach und nach in Brand stecken wird. Daher, liebes Kind, mußt Du alle Gelegenheiten meiden, wo Du in solche Gefahren kommen könntest. Dergleichen sind Gesellschaften und Zusammenkünfte von allerlei Personen, besonders von Jünglingen und Jungfrauen, – vornehmlich aber bei Musik und Tanz; denn bei der Tanzmusik wird das jugendliche Blut, das ohnehin sehr reizbar ist, noch mit Gewalt durch den Tanz, durch hitzige Speisen und Getränke und dergleichen erhitzt. Durch Musik wird der jugendliche Sinn, die Vernunft betäubt und der junge Mensch kommt in die größte Gefahr, in die Sünde der Unreinigkeit zu verfallen. Denn, mein Kind, gib auf die Menschheit acht, ob Du eine Person finden wirst, die gerne zu Musik und Tanz geht und dabei eine tugendhafte und keusche Person ist, dergleichen wirst Du nicht finden.

Ferner mußt Du auch alle andern Gelegenheiten meiden, welche zur Unkeuschheit verleiten. Zu diesen gehören besonders die Bücher, die unter dem Honig der Liebe das Laster der Unzucht verbergen, des jungen Menschen Herz einzunehmen suchen und die Tugend der Unschuld lächerlich machen, die Religion als Simplizität schildern, die Priester als Menschen bezeichnen, welche nur andere zu hintergehen suchen, um sich zu bereichern. Solche Bücher, mein Kind, wirf, wenn Du eines in die Hände bekommst, gleich von Dir, ja wirf es nur ins Feuer. Denke, daß diese Bücher nichts anderes sind, als was ich oben von den lasterhaften Menschen gesagt habe, nur daß jene Boten des Teufels sind, diese aber die Briefe des Teufels, wodurch er die Jugend eben auch von dem Weg der Tugend abzuhalten und zum Laster zu führen sucht. Es ist ein Gift, welches in Honig gemischt ist, damit es die Menschen gerne nehmen. Diese Bücher rauben den Menschen die Religion, den Glauben, die Unschuld und sind ebenso gefährlich, wie lasterhafte Menschen, weil man auch durch sie zeitlich und ewig unglücklich werden kann.

So wie die heilige Schrift der Brief unseres himmlischen Vaters an uns, seine Kinder, ist, worin er uns sagt, wie wir leben sollen, solange wir von Ihm entfernt sind, d.h. auf dieser Welt, damit wir nicht unglücklich werden, bis wir aus dieser Fremde zu Ihm in unserer ewigen Heimat ankommen werden. Zu diesen Gefahren, welche von der Unschuld ab- und zur Unkeuschheit hinleiten, gehören auch noch die unanständigen Geberden und Verkleidungen, das nächtliche Herumschwärmen, wenn es auch unter den Namen „Spaziergang“ geschehen sollte; denn ein kluger, tugendhafter Mensch geht nur bei Tage spazieren, weil er weiß, daß die Nacht eine Feindin des Menschen ist; wer das Licht scheut und die Finsternis liebet, wird bald ins Unglück stürzen. Denn was sagt die hl. Schrift von Lasterhaften? Sie sagt: „Darum hassen sie das Licht und lieben die Finsternis, weil ihre Werke böse sind.“ Hierher gehören auch noch jene Worte der hl. Schrift, welche lauten: „Der Satan geht wie ein brüllender Löwe umher und suchet, wen er verschlinge,“ d.h., wen er verführen, unglücklich machen könne.

Meine Tochter

Deine Bekleidung muß zuerst Deinem Stande gemäß und ehrbar sein; übertriebener Putz ist für ein Frauenzimmer keine Ehre, sondern Schande. Aber eine freche Bekleidung, wie sie bei Frauenspersonen sonst unter den Namen „Mode“ fast gewöhnlich ist, wobei die Enblößung des Körpers schön genannt wird, ist höchst sündhaft, ja lasterhaft, weil sie andere zur Sünde reizt. Und was sagt das göttliche Wort von denen, welche andere zur Sünde reizen? Es sagt: „Wehe denen, welche andere ärgern, zur Sünde reizen! Es wäre besser, es würde ihnen ein Mählstein an den Hals gehängt und sie würden in die Tiefe des Meeres versenkt.“ Und wenn du andere zur Sünde reizest, so werden diese wieder Dich reizen und ihr werdet einer mit dem andern in Sünden fallen.

Zu diesen Gefahren oder Reizungen gehören auch die Leibesgesellschaften, wo ein Jüngling und eine Jungfrau oft jahrelang in gesellschaftlicher Liebe miteinander verkehren. Das ist aber ebenso gefährlich als schädlich, wenn auch beide brav, religiös sind; denn was tun beide in einer Gesellschaft, so lange er als Jüngling und sie als Jungfrau zu leben verpflichtet ist? Was tut wohl Feuer bei Stroh? Es wird schließlich ein großes Feuer entzünden. Erlaube keiner Mannsperson Berührungen, Spielereien an Deinem Körper! Denn dies ist schon der Sünde Anfang. Mache daher mit keiner Mannsperson eher eine Liebesfreundschaft, als bis Du zum Heiraten geneigt, fähig bist und die Verhältnisse dazu passend sind; aber wähle Dir einen klugen und tugendhaften Jüngling! Merke es Dir wohl: der Mann muß klug und tugendhaft sein, wenn Du in Deiner Ehe glücklich sein willst. Und wenn er auch arm ist, so wirst Du dennoch mit ihm glücklich leben; denn ein kluger tugendhafter Mann ist fleißig, sparsam, zufrieden, geduldig, verträglich, weiß Unternehmungen anzufangen und auszuführen, etwas zu erwerben und das Erworbene zu behalten. Dabei werdet ihr eins das andere in der Tugend erbauen und aufmuntern und auf diese Art eines dem andern auch zur ewigen Glückseligkeit behilflich sein.

Hast Du aber einen Mann, der zwar vermögend und vernünftig und geschickt wäre, hätte er aber keine Religion, so wirst Du mit ihm nicht glücklich sein; denn ohne Gott gibt es keine Zufriedenheit, Du wirst keine Ruhe, keine Zufriedenheit im Hause haben. Geht es ihm auch wohl, so hat er niemals genug, geht es ihm schlecht, so wird er Dich als die Ursache des Übels quälen, Dir das Leben verbittern; er wird Dich wegen Deiner Religion verspotten, verachten. Der Segen Gottes wird aus Deinem Hause weichen und ihr werdet beide unglücklich werden, wobei es sehr häufig geschieht, daß solche Familien dann auch in die äußerste Armut verfallen und dann für Zeit und Ewigkeit unglücklich werden.

Nimmst Du Dir bloß einen Tugendhaften, der auf jeden Fall eher zu raten ist, der aber wenig Vernunft und Geschicklichkeit besitzt, so kannst Du wohl ein ruhiges Leben führen, aber Du mußt Dich bereiten, da er keinen Unternehmungsgeist hat, der in unseren Tagen für einen Gewerbsmann unentbehrlich ist, Dein Leben in Armut zu verbringen. Jedoch, liebes Kind, das rate ich Dir als wohlmeinender Vater aus Überzeugung noch viel eher an als einen Geschickten ohne Religion.

Anno 1854
Liebe Tochter!

Bist Du so glücklich, einen klugen, tugendhaften Mann von Gott bekommen u haben, so danke Gott für dieses Glück! Ehre ihn, gehorche ihm in allen billigen Dingen, wird doch ein kluger tugendhafter Mann nichts Unbilliges verlangen. Sie das, wozu Dich Gott bestimmt hat, wollkommen, nämlich die Gehülfin des Mannes! Wenn er betrübt ist, so tröste ihn, suche ihn zu erheitern und seine Last, die ihm aus großer Besorgnis zuteil wird, zu erleichtern. Pflege seiner, damit seine Gesundheit erhalten werde; fehlt er in etwas (- denn wir sind ja alle fehlerhafte Menschen, und wenn wir uns auch noch so sehr befleißen, vollkommen zu werden -), so ertrage seinen Fehler mit Geduld, denke, daß auch er Deine Fehler ertragen muß, ermahne ihn aber allein und in aller Güte, so wird er auch diesen Fehler noch ablegen; zeige durch Deinen klugen, tugendhaften Lebenswandel, daß Du seiner würdig bist. – Beobachte stets die weisen Lehren: Wenn es Dir wohl ergeht, so sie im Glücke nicht stolz; trifft Dich Unglück und Leid, so werde nicht verzagt, kleinmütig. Sei sparsam ohne Geiz, freigebig ohne Verschwendung, religiös Albernheit, weswegen die Religion so oft zum Gespötte wird. Mache keinen Kriecher, keinen Schmeichler gegenüber den Großen und sei nicht hochmütig gegenüber den Kleinen! Dies ist der goldene Mittelweg, auf dem wir wandeln sollen, damit wir hier und einst dort ewig glücklich werden.

Wirst Du diese meine Lehren beobachten, so wirst Du Deinem Gatten zum Spiegel dienen; er wird Dich ehren und lieben und seine Fehler um Deines Beispieles willen ablegen. Dann aber seid ihr gewiß so glücklich, wie Gott es will. Und dieses Glück wird euch ins hohe Alter begleiten und den Tod angenehm machen.

Anno 1854
Liebe Tochter!

Laß Dich auf den Weg der Tugend, auf der Bahn zur Vollkommenheit ja durch nicht abhalten oder beirren. Laß niemals den Gedanken zu, daß Du schon gut genug seiest und nicht nötig habest, noch besser zu werden! Das ist nur eine Einflüsterung des bösen Feindes, der jeden guten Menschen vom rechten Wege abzubringen sucht. Denn niemand ist so gut, daß er nicht noch besser werden könnte, und wir bleiben, wenn wir uns auch noch so sehr bestreben, gut zu sein, immer noch fehlerhafte Menschen. Denn unser Heiland sagt: „Niemand ist vollkommen gut als Gott allen“. Um auf der Bahn der Tugend zu bleiben und darauf immer weiter zu kommen, muß man alle Mittel gebrauchen, welche dazu dienlich sind. Solche Mittel sind noch das Fasten, Beten, Almosengeben und Lesen frommer religiöser Bücher. Durch das Fassten wird die Neigung zum Bösen in uns geschwächt; durch das Beten erhält man von Gott die Kraft oder Gnade, das Böse zu meiden und das Gute zu tun. Durch die Almosen tilgen wir die zeitliche Strafe unserer Sünden und erwerben die Gnade Gottes, wie die heil. Schrift sagt: „Almosen tilgt die Sünden. Und wer Almosen gibt, leiht dem Herrn auf Wucher und er wird es ihm reichlich wieder vergelten.“ – Durch das lesen guter Bücher spricht Gott zu uns, so wie wir im Gebete zu Gott reden. Daher betrachte jedes gute Buch, das Du im Hause hast, als einen freundlichen Engel, der Dich vom Bösen abhält und zum Guten ermahnt. Ich habe Dir mehr solche Bücher hinterlassen. Bist Du betrübt, nimm ein gutes Buch zur Hand und Du wirst Trost finden; weißt Du Dir in manchen Fällen nicht zu raten, forsche in der heiligen Schrift und sie wird Dich unterrichten, was Du tun sollst; denn die heil. Schrift ermahnt und belehrt uns in allen Fällen. – Sobald Du daher eine freie Stunde hast, so bete oder lese; bedenke das immer: Im Gebet redest Du zu Gott und durch das Lesen redet Gott zu Dir. Welch ein Glück!

Wie sehr das Lesen guter Bücher nützlich ist, kann ich Dir, mein Kind, aus meiner eigenen Lebensgeschichte beweisen: Ich war – Gott sei es vielmals gedankt – so glücklich, einen klugen und religiösen Vater, samt einer ebenso guten tugendhaften Mutter gehabt zu haben. Mein Vater hieß auch Georg, meine Mutter Maria. Obgleich sie arm waren, so hatte ich doch eine sehr gute Erziehung. In meiner Kindheit war ich bis ins dritte Jahr immer krankt; dann erst nahm mein Gesundheitszustand zu und die Kränklichkeiten ab. In diesem Zustande pflegten mich meine guten Eltern so sehr, um nur meine Gesundheit und mein Leben zu erhalten, als ob ich ihr einziges Kind gewesen wäre. (Ich verdanke daher mein Leben nächst Gott meinen guten Eltern, ohne deren Pflege ich gewiß in meiner Kindheit ein Opfer des Todes geworden wäre.)

Sobald ich nun durch die Mühe meines Vaters und der Schule fähig geworden war zu lesen, hielt mich mein Vater, sobald er eine freie Stunde hatte, an, aus der heiligen Schrift, der Bibel zu lesen, was er selbst immer mit Vergnügen tat. Ich tat es anfänglich bloß aus Gehorsam, nachdem ich aber etwas vernünftiger geworden war und als ich die schönen Erzählungen aus dem Alten Testamente verstand, dabei in der Schule vom Herrn Katecheten das nämliche gelehrt und erklärt wurde, fand ich Gefallen daran und von nun an durfte mich mein Vater nicht mehr sehr zum Lesen der heiligen Schrift ermahne; denn ich las selbst gerne darinnen. Der Vater erklärte mir jede Stellen, die ich nicht verstand, und dabei wuchs meine Freude an den lieblichen Erzählungen, so daß ich sie bald im Gedächtnis behielt und über solche Fragen auch antworten konnte. Deswegen wurde ich gelobt und wie sehr erfreute dies nicht die Jugend!

Das Jünglingsalter kam heran. Da ich nun gesund war und einen stattlichen Wuchs hatte, sah sich mein Vater genötigt, – um mich nicht in die Hände des Militärs kommen zu lassen, mich schon mit 16 Jahren, so schwer es ihm auch ankam, in die Fremde nach Wien zu schicken, wo ich zum Glücke zwei Brüder hatte, welche mich beide recht liebten. Allein die eingesperrte, moderne Luft in den Werkstätten, sowie die ganze unreine, stinkende, Fäulnis enthaltende Luft der ganzen Wiener Stadt war meinem jungen schwachen Körper, besonders meiner schwachen Lunge nicht dienlich, sondern schädlich. Meine angeborene Heiterkeit verlor sich, ich war zwar nicht krank, aber ich befand mich auch nicht wohl. Dieser Zustand dauerte Jahre lang. Dabei war beständig Krieg du ich konnte, wenn ich auch gewollt hätte, von Wien nicht fort, wollte ich nicht sogleich Soldat werden. Während dieser Zeit war mein guter Vater im Jahr 1809 gestorben. Es war für mich eine traurige Lage. In Wien war ich nicht recht gesund und zum Militär wollte ich nicht, da man bei beständigem Kriege nichts anderen als den baldigen Tod vor Augen hatte. In dieser betrübten Jugendzeit nahm ich wieder meine Zuflucht zu dem, was mich mein Vater in der Kindheit gelehrt hatte, zum Lesen der heiligen Schrift. Ich fand darin Trost, Beruhigung und Ergebung in die Fügungen Gottes. In meinem 24ten Jahre befiel mich eine schwere Krankheit und ich musste in Wien in ein Krankenhaus. Da kam nun der Priester, welcher seinem Amte gemäß mich mit den heiligen Sakramenten versehen sollte, setzte sich an mein Bett, wie ein Bote des Himmels und redete zu mir, wie ein Vater zu seinem Kinde.

Ich werde mir seine Worte bis ins Grab, bis in die Ewigkeit mitnehmen; er sprach zu mir: „Betrüben Sie sich nicht über diese Krankheit, Sie werde nicht daran sterben (als ob es ihm Gott gesagt hätte). Gott hat Sie nur recht lieb, Gott will Sie nur durch diese Krankheit erinnern, daß der Mensch in seiner Jugend ebenso gut sterben kann, wie im Alter, daher es in der Jugend ebenso notwendig ist, sich immer zum Tode bereit zu halten, den Lockungen, Reizungen, bösen Gesellschaften und Gelegenheiten auszuweichen, sich dagegen durch Gebet, Anhörung des göttlichen Wortes in der Kirche, durch Lesung der heiligen Schrift und guter Bücher im Guten, in der Tugend, im Kampf gegen die Sünde zu stärken und auf diese Art ein Gott wohlgefälliges, glückliches Leben zu führen, wodurch Sie hier auf Erden zufrieden leben und einst im Jenseits ewig glücklich werden können. Versprechen Sie mir, das zu tun, wenn Ihnen Gott wieder die Gesundheit gibt? Also sprach der geistige Engel zu mir (denn so nenne ich diesen Priester). Ich versprach es ihm und Gott hat mir die Gnade gegeben, mein Worthalten zu können.

 

Ich wurde mit Gottes Hilfe wieder gesund und schloss mich, da ich schon von früher einen sehr frommen Jüngling kannte, jetzt an diesen an, machte nähere Freundschaft oder Kameradschaft mit ihm, verließ meine früheren Gesellschaften, ging mit diesem jetzt in die Kirchen, wobei ich manche schöne Predigten hörte. Ich schaffte mir auch manche guten Bücher an und nahm in den Ruhestunden von der Arbeit solche zur Hand, wodurch ich die Grundwahrheiten der Religion erst recht kennen lernte. Die Gnade Gottes km mir dabei zur Hilfe und ich erkannte das eine Notwendige, von dem unser Heiland sagt: „Nur Eines ist notwendig: Maria hat den besten Teil erwählt, der von ihr in Ewigkeit nicht wird genommen werden.“ Ich fing an, über diese Wahrheiten der Religion recht nachzudenken, ich kam zur Erkenntnis und sprach zu mir selbst: „Du lebst nur einmal hier, hast also nur dieses eine Mal die Gelegenheit, dir ein ewiges Glück zu verdienen. Welch ein Tor wärest du, wenn du dies nicht mit allem Eifer besorgtest! Wenn man die schon klug nennt, welche (sich) hier Güter zu gewinnen wissen, welche sich hier glücklich zu machen bestreben, wie viel mehr musst derjenige nicht klug handeln, der sich bestrebt, das ewige Glück zu erwerben. Wenn der schon zu den Glücklichen gerechnet wird, der sich die Liebe und Freundschaft seines Monarchen erwerben kann, um wie viel glücklicher muss erst der sein, der sich die Liebe und Freundschaft Gottes erwerben kann.“

 

So nahm ich mir vor, im ledigen Stande zu verbleiben, weil man in diesem leichter zu Vollkommenheit gelangen kann. Ich schlug daher jedes Anerbieten zur Heirat ab. Während dieser Zeit kam mein Bruder Franz nach Wien; es war im Jahre 1816, als der lange französische Krieg zu Ende war. Da er mich sah, wie ich so blaß und schwach war (trotzdem arbeitete ich immer), sprach er zu mir: „Du wirst hier sterben. Gehe lieber mit nach Hause! Der Krieg hat geendet, dazu bist Du nicht recht gesund und so wirst Du wegen des Militärdienstes keinen Aufsand mehr haben.“ Ich gab ihm Recht, besann mich nicht lange, besonders da meine Mutter noch am Leben war, machte mich reisefertig und ging von Wien, wo ich nun neun Jahre zugebracht, wieder mit nach Hause. Ich war 26 Jahre alt.

 

Da mir sonst nicht fehlte als meiner schwachen Lunge reine Lust, so erholte ich mich in meiner Heimat sehr bald, ich fing wieder an ein blühendes Aussehen zu bekommen, meine Kräfte zu bekommen, meine Kräfte und meine Heiterkeit nahmen auch wieder zu, jedoch meine Gesinnung blieb, wie sie in Wien war. Ich hatte den Entschluss gefasst, ledig zu bleiben, im Stillen Gott zu dienen, um das ewige Heil zu erwerben.

 

Meine Freunde fingen nun an, da ich mich in meinen Kräften immer mehr besserte, ich könnte doch Soldat werden, wenn auch kein Krieg wäre, und so möchte ich mich lieber zum Heiraten entschließen. Das war aber ganz wider meinen Vorsatz, wider meinen Plan. Ich wollte mit Gott ein verborgenes Leben führen und diesem so schönen Unternehmen sollte ich entsagen. Nein! Dachte ich, Gott wird wohl das nicht wollen. Ich blieb bei meinem Entschlusse und schlug wie in Wien jedes Anerbieten zur Heirat aus. So vergingen zwei Jahre. Da kam eine starke Rekrutierung. Ich wurde ausgehoben, abgeführt, jedoch nicht angenommen. Ich wurde zum zweiten Male abgeführt, jedoch wieder nicht angenommen. Jetzt drangen meine Schwestern und meine Mutter in mich, ich möge lieber heiraten als Soldat werden. Da ich meiner Mutter meine Absichten bekannt gemacht, besorgte sie für mich eine alte tugendhafte Jungfrau, mit welche ich meinem Vorsatze gemäß ein frommes, tugendhaftes Leben führen könnte. Allein da ich mich zum Ehestande nicht bequemen wollte, so zögerte ich immer, bis ich abermals als Rekrut ausgehoben, abgeführt und angenommen wurde. Es war im Jahre 1819, da ich im 29. Jahre stand. Wie vom Schlage getroffen, stand ich da. Was mir meine Freunde vorhergesagt, war in Erfüllung gegangen. Nun dachte ich, ist es Gottes Wille, dass ich ihm in diesem Stande dienen soll, so will ich ihm hier dienen. Ich fing auch an, darüber nachzudenken, wie ich Gott in diesem Stande am besten dienen könnte. Mittlerweile musste ich auch schon alle Aufmerksamkeit auf das Exerzieren verwenden. Die Exerzierzeit verging. (Ich war bei der Reserve des Fürst von Lichtensteinschen Infanterie-Regiments), nach welcher wir bis zur Einberufung nach Hause gehen konnten. Als nun meine drei Wochen um waren und ich früh morgens aus meiner Kaserne herauskam, trat auch ein Zwittauer Gefreiter, das Raportbuch unterm Arm, mit heraus und ging zum Herrn Regimentsadjutanten. „Guten Morgen! Teichmann,“ sprach er zu mir, „wirst bald Deine Exerzierzeit verbracht haben?“ „Heute ist mein letzter Tag“ sagte ich. „Dann gehst Du nach Hause?“ sprach er weiter. „Ja!“ erwiderte ich. „Magst Du nicht loswerden?“ fragte er mich dann und ich gab zur Antwort: „Wenn es nur möglich wäre!“ „Wie viel Geld kannst Du aufbringen?“ „Wie viel Geld kannst Du aufbringen?“ führt er das Gespräch fort. „Wie viel muss den sein?“ erkundigte ich mich. Und er sagte: „400 fl. Kostet es; wenn Du so viel aufbringst, kannst Du los werden.“ So viel kann ich zusammenbringen,“ erklärte ich. „So komm mit zum Adjutanten!“ Ich ging mit, er meldete mich dort an, ich wurde vorgelassen, um meine Verhältnisse gefragt und es wurde mir gesagt, wenn ich 400 fl. aufbringen könnte, würde ich los. Ich versprach sie zu bringen, ging heim, holte das Geld, trug es nach Olmütz zum Regiment und wurde dann auf dem Wege der Supravidierung los. So kam ich vom Militär fort, ohne es gesucht, ja ohne es gedacht zu haben.

Allein jetzt war ich zwar vom Militär frei, da kam es zum Heiraten. Denn die Person, welche mir meine Mutter zur Braut ausersehen, hatte mir das Geld zum Loskauf gegeben und bestand nun auf die Trauung. Und das fiel mir wieder so schwer wie der Soldatenstand, weil es ganz meiner Neigung und Absicht entgegen war. Allein es ist doch besser, dachte ich mir, mit einer tugendhaften Person in Gesellschaft zu leben als bei dem beständigen Fluchen, wie es beim Militär gebräuchlich ist, zu verbleiben. Die Ehe wurde geschlossen. Jedoch die Person war nicht gesund, sondern kränkelte beständig, dabei war sie, wie alle Ungesunden, immer verdrießlich und mürrisch, so zwar, dass ich mir oft wünschte, beim Militär geblieben zu sein. Nur der Gedanke hielt mich aufrecht, dass es so Gottes Wille sei, das Unangenehme mit Geduld zu ertragen, und dass ich mir diesen Stand nicht gewählt, sondern durch Umstände dazu war gezwungen worden. In diesem traurigen Ehestande lebte ich 21 Jahre, wozu noch der Unglücksfall kam, dass mein Weib vom Schlage gerührt wurde und den Verstand verlor, so dass ich für sie, wie für ein Kind, einen eigenen Dienstboten halten musste, der sie beständig bediente und auf sie acht gab; denn sie tat schaden, wie die kleinen Kinder, ohne es zu merken. Endlich kam nach einer so traurigen Kopfkrankheit von 18 Monaten der Tod. Sie wurde ihres Leidens und ich der Last entledigt. Nun war ich Witwer. Jetzt, dachte ich, kann doch endlich noch mein Wunsch erfüllt werden, jetzt kann dich niemand hindern noch auch zwingen, einen anderen Stand anzutreten. Ich wollte nun in Witwerstande bis zu meinem Tode verbleiben. Da ich von Handwerke lebte, hatte ich auch alles eingerichtet zur Haltung von Gesellen, Lehrlingen und Dienstboten und dachte nun, diese letzteren würden recht froh sein, dass sie selbst wirtschaften können. Allein da hatte ich mich geirrt. Die Dienstboten zeigten bald zu meinem Erstaunen, dass sie unzufrieden seien, und als ich nach der Ursache forschte, vernahm ich, dass sie nicht wirtschaften, sondern mich heiraten wollten. Ich wechselte ab, allein eine wie die andere wollten dies und taten nicht gut. In diesem Zustande lebte ich fünf Jahre. Da ich nun alt geworden war und einfach, dass ich einer beständigen Pflegerin bedarf und mich auf die Mägde nicht verlassen kann, so nahm ich mir vor, wenn ich eine tugendhafte Person fände, die sich in meine Verhältnisse schickte, noch einmal zu heiraten. Ich bat Gott inständig, wenn es sein heiliger Wille sein, dass ich noch einmal in den Ehestand trete, mir nur eine tugendhafte, vernünftige und gute Gattin zu geben, damit ich auch meine letzten Tage in seiner Gnade und Freundschaft verleben könnte. Da wurde ich mit Deiner Mutter bekannt oder viel mehr Gott machte mich mit Deiner Mutter bekannt. Wir heirateten und Gottes Segen war sichtbar bei uns. Wenn wir auch nicht reich waren, hatten wir doch alles, wessen wir bedurften. Damit waren wir zufrieden und daher glücklich. Ja, mein Kind, Deine Eltern waren so glücklich, wie ich es Dir am Anfang dieser Rede auseinandergesetzt. Und es ist mein Wunsch, dass ich Dich zu diesem Glücke auch bringen könnte. Und Du kannst dahin gelangen, wenn Du diesen meinen väterlichen Rat befolgst. Denn zu diesem Glücke kann jeder Mensch gelangen und Gott selbst will es, dass wir auf diese Art glücklich werden.

Die meisten Unglücke (Unglücksfälle) sind Folgen der menschlichen Torheit oder Lasterhaftigkeit. So geht es jenen Kindern, die ihren Eltern nicht gehorchen, zeitlebens schlecht. Das ist aber erstens eine Strafe Gottes und zweitens eine natürliche Folge; denn die Eltern sagten, das tue nicht, weil sie einsahen, dass es nicht gut sei. Tut es das Kind aber doch, so wird da Kind unglücklich, weil das eben nicht anders sein konnte, was die Eltern voraus als schlecht erkannten. Ein anderes Kind folgt blindlings seinen guten Eltern, lässt seine eigene Reigung und Meinung fahren und tut, was die Eltern befehlen oder wünschen, und tut es, ohne einzusehen, ob es gut oder nicht gut sein wird, bloß darum weil Gott geboten hat, seine Eltern zu ehren und ihnen zu gehorchen. Und wenn es anfangs auch nicht gerade gut mit ihm bestellt war in seinen Verhältnissen und seinem ganzen Leben, so leitet doch Gott dessen Unternehmungen und segnet sie und das gehorsame Kind wird immer glücklicher, bis sich dann doch sein zeitliches Glück in das ewige verwandelt.

Um Dir, mein Kind, diese Wahrheit zu bezeugen, kann ich selbst Dir als Zeuge dienen. Ich war, wie schon gesagt, von armen Eltern geboren und erzogen. Den größten Reichtum aber habe ich gerade von ihnen erhalten, nämlich den Unterricht in der Religion und das schöne Tugendbeispiel. Mit diesen ausgerüstet, schickte mich mein Vater sehr jung – ich stand erst im siebzehnten Jahre – in die Fremde. Und das Wort Gottes, das er in mein Herz selbst eingepflanzt, war stark genug, mich vor jeder Sünde zu bewahren. Da ich nun mit den zunehmenden Jahren reifer wurde, entwickelte sich auch das göttliche Samenkorn in meinem Herzen; dazu diente mir besonders meine körperliche Schwäche und vornehmlich die Krankheit, die ich oben erwähnt hatte. So überzeugte ich mich schon in meiner Jugend, dass Leiden zur Ausbildung eines tugendhaften Charakters ebenso nötig seien, wie die Arznei für einen Kranken. Du wirst daher auch nicht leicht einen Tugendhaften finden, der Dir nicht sagen wird, dass Leiden es waren, welche ihn auf den Weg der Tugend leiteten oder doch darauf erhielten. Darum heißt es in der heiligen Schrift: „Wen Gott lieb hat, den züchtigt er.“ Und weiter heißt es: „Leiden sind Merkmale der Liebe Gottes, Merkmale der Auserwählung.“ Wer sollte daher nicht gerne solche Leiden annehmen, welche uns von unserem himmlischen Vater aus lauter Liebe gesendet werden? Ja, wir müssen die Vaterhand küssen, die uns solche Leiden gibt, weil daraus nur Gutes und wahre, ewig dauernde Freuden entstehen. Und mit solchen Leiden war ich auch von Jugend an heimgesucht und ich habe sie mit der Gnade Gottes alle geduldig ertragen und als das betrachtet, was sie wirklich sind, nämlich Mittel, die mich von den gefährlichen Weltfreuden und den Reizungen der Sünde abhalten und zum tugendhaften Leben ermutigen, stärken sollten. Ich habe, um auf das Erste zurückzukommen, da ich heiraten sollte, meiner guten alten Mutter gehorcht, wiewohl ich weder für jede Person noch für den Ehestand war und nicht die geringste Freude davon hatte. Ich wollte auch darum nicht heiraten, weil ich einen zu schwächlichen und kränklichen Körper hatte. Und welch Wunder! Siehe, im Ehestande, wo so viele ihre Gesundheit, ja ihr Leben verlieren, wurde ich immer frischer; obwohl ich ganz mit leeren Händen anfangen musste, so segnete doch Gott meine Arbeit, meine Not hörte bald auf, mit jedem Jahresschluss sah ich mich in besseren Verhältnissen und es wurde mir möglich diese Behausung zu kaufen, in der Du geboren bist. Ja, Gott segnete mich so, dass ich in meinem Alter denen, die mit mir jung waren und ihren Eltern Tausende als Erbe erhielten, nun aber in Not leben, mit Darlehen behülflich sein kann, wo wir doch in der Jugend in verkehrten Verhältnisse standen. Welch ein Glück, welch eine Freude ist es nicht! In meinen jungen Jahren glaubte ich nicht dreißig Jahre alt zu werden; jetzt, da ich dies schreibe, bin ich über 63 Jahre, gesund und freue mich des Lebens, freue mich des Alterns und danke Gott für die Leiden der Jugend und für seinen Segen im Alter. Und dabei sehe ich ruhig dem Tode entgegen, der mich aus dieser Welt, wo wir gleichsam nur in der Fremde sind, bald abholen und heim zu meinem himmlischen Vater führen wird.

Wenn Du dies ließt, mein Kind, bin ich wahrscheinlich schon in jener erwünschten Heimat, von wo aus, wenn es mir vergönnt ist, ich mit forschendem Blick auf Dich herabsehen werde, ob Du diese meine väterlichen Ermahnungen, Gott in allem getreu zu gehorchen, beobachten und erfüllen wirst. Denke daran, dass Du einst – denn unser Leben währt nur kurze Zeit – von dieser Erde in jener Welt vor Gottes Angesicht wirst erscheinen und Rechenschaft über Deinen geführten Lebenswandel ablegen müssen. Vor Deinem Tode, wirst Du nichts mehr wünschen, als den Ermahnungen Deines Vaters in allem recht genau Folge geleistet zu haben. Darum bedenke und befolge dies von Jugend auf. Laß Dir die Worte der heiligen Schrift immer in Deinem Ohren widerhallen: „Mensch, denke an den Tod und Du wirst in Ewigkeit nicht sündigen.“ Ein weiser Mann sagt: „Der Gedanke an den Tod ist das sicherste Steuerruder des Lebens. Wer dies zur Seite legt, setzt sich mutwillig der Gefahr aus, Schiffbruch zu leiden – ewig unglücklich zu werden.“ Auch diese Worte lass Dir immer vor der Seele schweben: „In allem, was ich denk´und tu´, sieht mir Gott mein Vater zu.“

Daher mein Kind, wenn Du im Gefahr kommst zu sündigen, wo Dich niemand beobachten kann, denke nur immer: „Gott sieht mich, Gott hört mich“; denke auch, wenn Du Gutes tust: „Gott sieht mich, Gott hört mich“, was besonders vom Gebete und von den Almosen gilt und vom Fasten.
Lass Dir diesen Glauben ja von keinem Später rauben!
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Was ich hier, meine Kinder, sage, geht Euch alle an, wenn ich auch nur wie zu einem redete; denn als ich anfing zu schreiben, war eben bloß Maria.

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Anno 1856.
Liebe Kinder!
Ihr seid nun drei: Maria, Elisabeth und Theresia.
Was ich hier bloß zu Maria sagte, nehmt es so an, als wenn ich es zu einer jedem von Euch gesagt hätte; denn da ich es schrieb, war bloß Maria allein.

Bittet Gott, dass er Euch seinen heiligen göttlichen Geist verleihen wollte, beständig; denn dies ist das größte Geschenk, welches Gott einem Menschen geben kann; machen ja die heiligen Eingebungen, die nur von Gott kommen, den Menschen nicht nur vernünftig, sondern bilden seine Vernunft bis zur edelsten Weisheit aus, durch diese göttlichen Einsprechungen wird der Mensch weise, fromm und tugendhaft, mit jeder Lage, mit jedem Stande zufrieden und daher glücklich, ja glücklich für diese Welt und glücklich für die Ewigkeit. Durch diese göttlichen Eingebungen bekommt der Mensch eine Weisheit, über die sich alle Welt wundert; denn sein Verstand wird so erleuchtet, dass er alle Eitelkeiten und Torheiten der Menschen einsieht, sie verabscheut und flieht, so zwar, dass er die meisten Dinge, nach welchen die Weltmenschen so begierig streben, gar nicht wünscht und nicht darnach verlangt. Der gewöhnliche Mensch strebt nach irdischen Gütern, der erleuchtete Mensch aber ist mit seinem Stand zufrieden; wenn er auch in einem armen und niederen Stande lebt, so denkt er: Gott hat mich in diesem Stand gesetzt, in diesem Stand kann und soll ich Gott dienen und dadurch mein ewiges Heil erwerben. Uns so strebt er nach göttlichen Dingen, in der Jugend und Weisheit immer reicher zu werden.

Der göttlich erleuchtete Mensch sieht alle Dinge in der wahren Gestalt, nicht in ihrer täuschenden; er sieht sie gleichsam nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Der Weltenmensch sieht mit Wohlbehagen auf Ehrenstellen und strebt darnach, um Ansehen und Ehre zu ernten; der geistige Mensch sieht da aber nicht nur auf Ansehen und Ehre, sondern auch auf die Beschwerden, welche solche Ehrenstellen dem Streben nach der Glückseligkeit mit sich bringen, und sucht daher keine Ehren. Der Weltenmensch ist eingenommen für gute Speisen und Getränke und strebt darnach, so weit es möglich ist; der göttlich erleuchtete Mensch isst und trinkt allerdings auch lieber das Bessere, aber er erkennt dabei die Eitelkeit, dass es bloß ein augenblicklicher Genuss sei, der viele Auslagen erfordert, die zu etwas Besserem, als zu einer augenblicklichen Wollust verwendet werden könnten. Er ist daher zufrieden, wenn er solche Speisen und Getränke hat, die seine Gesundheit erhalten, und dankt Gott dafür, während die anderen bei allem Luxus unzufrieden sind. Also auch hierin macht der göttliche Sinn den Menschen glücklich.

Der irdisch gesinnte Mensch strebt nach lauter irdischen und fleischlichen Dingen, schätz es als die größte Seligkeit, in Wohlleben, in Wollust dahinzuleben; der geistige Mensch findet die größte Wollust in der Anschauung und Betrachtung der Werke Gottes in der Natur, sowie in der Religion und allen geistlichen Dingen, besonders aber im Gebete, welches ja den Erleuchteten eine Unterhaltung, eine Unterredung mit Gott ist. Darin erkennt er das hohe Glück, das ihm zuteil wird, mit Gott, seinem Schöpfer und Erhalter, seinem besten Vater, sich besprechen, sich unterhalten zu können. Und es macht im Freude im Gebete und in Betrachtung lange Zeit verweilen zu können, worüber sich die Weltmenschen so sehr wundern, weil ihnen das Beten nur eine Last ist, von der sie so schnell als möglich nur los zu werden trachten, da sie im Gebete nicht mit Gott, wie gute Kinder mit ihrem Vater, zu sprechen wissen, sondern nur wie Knechte, die sich vor ihrem Herrn fürchten, in dem Bewusstsein, dass sie ihm nicht gehorsam waren, daher Strafe zu erwarten haben.

Wie der Weltmensch seine größte Freude in der Wollust findet, so hat der erleuchtete Mensch seine größte Freude an der Keuschheit. Daher sucht er sich einen Stand, wenn es Gottes Zulassung ihm ermöglicht, wo er in Keuschheit und in Gebet sein Leben, natürlich auch in Arbeit zubringen und Gott dienen kann. Daher stammt das Wunderbare, dass manche Menschen die Einsamkeit suchen, die Welt mit ihren Reichtümern, Ehren, Ansehen, Wollust und dergleichen verlassen und nichts achten, um sich nur mit Gott zu unterhalten, ihm zu dienen in Keuschheit, Armut und Betrachtung der Welt, in geduldiger Ertragung der Widerwärtigkeiten und Leiden, welche Gott ihnen zuschicket, um sich vorzubereiten, würdig zu werden, einst zu Gott zu kommen, ihn zu sehen, zu lieben, ihm zu dienen und ewig in der Gesellschaft der Auserwählten als Kind Gottes, das in seines Vaters Hause ist, sich freuen zu können. Solche Menschen ist daher auch der Gedanke an den Tod nichts Trauriges, sondern etwas Freudiges, weil sie den Tod nur als den Boten ansehen, welchen der Vater sendet, um sein gutes, gehorsames Kind aus der Freude heimzurufen mit dem Versprechen, von nun an immer im väterlichen Hause verbleiben zu können.

Den Weltenmenschen aber ist der erleuchtete Mensch ein Tor, weil sie das Überirdische nicht kennen und nicht zu begreifen versuchen; denn zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheiten, des göttlichen Wortes wird der heilige Geist erfordert, welchen die Weltmenschen nicht haben, weil Gott seinen Geist nur jenen gibt, die ihn lieben und seine Gebote halten. Daher sagt der heilige Paulus: Wir lassen uns gerne um Christi willen für Toren ansehen.“ Weil die Weltmenschen das Göttliche nicht begreifen können, nennen sie es Torheit. So wie ein Blinder, der die Sonne samt allen Schönheiten der Welt, die er nicht gesehen, einem Sehenden, der ihm dies alles beschreibt, nicht glaubt, sondern ihn einen Toren nennen wird, ebenso handeln die Weltmenschen, weil sie in der Seele blind sind. Und wie ein Blinder überall anstößt und leicht fällt, ebenso verhält es sich mit den Seelenblinden; sie stoßen sich an allem und lassen sich in große Torheiten und Sünden, durch welche sie auch ins ewige Unglück fallen werden, daher auch jeder, der ihnen nachfolgt, zugrunde gehen wird. Sagt ja unser Heiland: „Wenn ein Blinder einen Blinden führt, so fallen sie beide in die Grube.“ Das ist aber von dem ewigen Untergang gemeint. Lasset euch daher, meine lieben Kinder, nicht irre machen, nicht verführen, sehet nicht auf den Schein dieser Welt, auf Menschen, die Reichtümern, Ansehen, Wohlleben, Hochmut und Stolz ihr Leben zubringen, und dabei den Frommen, den Tugendhaften verachten, ja sogar einen Narren schelten; denket an die Wahrheiten, welche euch euer Vater hier gesagt hat und welche aus dem göttlichen Worte selbst genommen sind, nämlich, dass diese Menschen der Seele nach blind sind und das Göttliche nicht begreifen, daher den Weisen verachten.

Meine Kinder, wundert euch nicht, ärgert euch nicht und zweifelt nicht am Glauben, wenn ihr sehet, dass es einem Lastenhaften bei seinem sündhaften Lebenswandel wohl ergeht, dass ihm seine Unternehmungen gelingen, dass er in Ehren und Ansehen steht, dabei alle Freuden des Lebens genießt und dabei nur an der Religion und an religiösen Menschen seinen Spott hat. Das darf uns am Glauben nicht nur nicht irre machen, sondern muss uns vielmehr bestärken. Denn der vom heiligen Geiste so erleuchtete heiliger Augustus sagt: „Das größte Unglück für den Sünder ist es, wenn ihm Gott kein Unglück zuschickt, und die größte Strafe für den Gottlosen ist, wenn ihn Gott nicht straft.“ Das ist das sicherste Zeichen, dass er von Gott verlassen ist, dass er zu jenen gehört, die an der ewigen Glückseligkeit keinen Anteil haben; sowie man bei einem Kranken, dem der Arzt alles erlaubt und dadurch beweißt, dass ihm nicht mehr zu helfen ist, bis er ihn nicht mehr besucht und ganz verlässt, weiß, dass es um sein Leben geschehen ist, ebenso ist es mit dem Gottlosen, wenn ihm Gott seine Trübsale mehr zuschickt, sondern ihm seinen Gelüsten leben lässt und ihn verlässt. Wenn wir sehen, dass der Gottlose in Reichtümern, Ehre und Ansehen, Gesundheit und Wohlleben seine Tage zubringt, gleichsam seinen Himmel auf Erden hat, so müssen wir bedenken, dass er auch ein Kind Gottes ist und daher Anspruch auf eine Glückseligkeit hat; weil er aber der ewigen Glückseligkeit nicht würdig ist, so gibt ihm unser himmlischer Vater als seinem Kinde eine irdische, eine kurze Glückseligkeit, daran sollen die anderen, gehorsamen Kinder ersehen, wie gut und gerecht Gott gegen uns alle handelt, indem er selbst den ungehorsamen Kindern so viel Gutes hier zuteil werden lässt. Werdet daher nicht unzufrieden, wenn ihr manche, die keine Religion haben, sehet, wie sie in der schönsten Modekleidern einhergehen, mit Gold du Perlen geschmückt sind, während ihr euch bei Fleiß und Redlichkeit nur eine gemeine Kleidung ohne Schmuck verschaffen könnt, erinnert euch an den verlorenen Sohn und seinen gehorsamen Bruder, der auch nur in gemeiner Kleidung einherging und arbeitete und doch zum Erben bestimmt war: er war auserwählt für die ewige Glückseligkeit. Auch ihr seid auserwählt, wenn ihr euch durch Verfolgung der göttlichen Gebote der Auserwählung würdig machet.

Daher bittet, meine lieben Kinder, täglich Gott, dass er euch den heiligen Geist verleihen wolle, seine göttlichen Einsprechungen; denn dies ist der größte Reichtum, das größte Glück des Menschen, weil es ihn zeitlich und ewig glücklich macht; denn so wie sich ein reicher Weltenmensch beständig an seinem Reichtume und Wohlleben erfreut, so erfreut sich ein durch göttliche Eingebungen erleuchteter Mensch beständig an den göttlichen Worte, der göttlichen Wahrheit, an der Tugend und Frömmigkeit. Weltmenschen glauben, er bringe in beständiger Traurigkeit sein Leben zu, weil eben seine Freuden keine Aufsehen machen und keinen Lärm, sondern in der Stille und Einsamkeit im Umgange mit Gott empfunden und genossen werden.

Deshalb, meine Kinder, denket nicht, wenn ihr von Jugend auf euch Gott zuwendet und ein tugendhaftes Leben führet, dass ihr keine Freuden genießen könnt, wie euch die Weltmenschen vorschwätzen werden. Diese Gedanken und Reden sind das gerade Gegenteil der Wahrheit; denn das göttliche Wort sagt: „Der Weise, der Tugendhafte genießt ein beständiges Gastmahl“, d.h. der Tugendhafte wird von göttlichen Eingebungen beständig gespeist, was ihn so erquickt und erfreut, als ob er bei einem beständigen Gastmahle erquickt und erfreut würde.

Ihr müsst, meine Kinder, aber auch alle Mittel anwenden, um dieser heiligen Eingebungen würdig zu werden. Ihr müsst alle Gesellschaften, alle Zusammenkünfte mit Menschen meiden, die euch nicht zu guten Dingen anleiten, sondern die Freundschaft solcher suchen, welche Tugendhaft leben. Dann müsst ihr im Gebete beständig und anhaltend sein, wenn euch Gott nicht gleich erhört; denn wenn man um etwas Gutes bittet, kann man versichert sein, von Gott erhört zu werden. Gott prüft nämlich oft den Menschen, ob er anhaltend um das Gute bitten wird. Um unser Heiland sagt: „Wenn ihr schon euern Kindern gute Gaben zu geben wisset, um wie viel mehr wird der himmlische Vater denen den heiligen Geist geben, die ihn darum bitten“.

Und um diese heiligen Geistesgaben leichter zu erhalten, ist es das beste Mittel, fromme, religiöse Bücher zu lesen und dabei Gott immer anzurufen, dass er diese göttlichen Worte euch recht verstehen und behalten lassen wolle. Ich habe euch zu diesen Zwecke manche schöne religiöse Bücher hinterlassen.

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Liebe Kinder!
Was soll ich euch noch sagen oder schreiben, was nicht schon geschrieben ist? Denn alles, was zu eurem zeitlichen und ewigen Heile erforderlich ist, findet ihr in den, obwohl nur wenigen Büchern, die ich euch hinterlasse. Nur muss ich euch sagen, wenn ihr die Bibel leset, so lasset jene Stellen aus, die ihr nicht verstehet und die euch nicht erbauen; denn es gibt manche Stellen darinnen, welche nicht für jeden Menschen gut sind, weil sie erst einer Erklärung bedürfen, die der Ungelehrte nicht hat. Die Bibel ist nämlich den Spezereien zu vergleichen, von denen man nur einen kleinen Teil braucht, um eine gute Speise zu bereiten. Doch die Spezerei allein genießen, könnte leicht schädlich sein.

Leset recht gerne, liebe Kinder, und so oft, als es euch die Umstände erlauben, ja, bittet Gott, dass er euch die Gnade gebe, oft lesen zu können: denn das ist ein großes Glück, wenn man Freude und Gelegenheit zum Lesen guter Bücher hat. Denket immer dabei, wenn ihr leset: „So spricht Gott, unser himmlischer Vater, mit uns“, gerade so wie ihr, wenn ihr betet, immer denken müsst, dass ihr mit Gott redet, so redet beim Lesen Gott mit euch.

Also leset und betet, betet und arbeitet; denn beim Arbeiten seine Gedanken zu wenden und so arbeiten, wie es Gott befahlen hat, das heißt ohne Unterlass beten. Und dabei erwirbt man sich sein zeitliches Fortkommen und die ewige Glückseligkeit.

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Liebe Kinder!
Wenn ihr euch vornehmet und bestrebet, ein tugendhaftes Leben zu führen, so glaubet nicht, dass es euch immer gut gehen müsste und alles nach euere Wünsche gelingen werde; denn das hat Gott nicht versprochen. Denn wenn Gott den Tugendhaften alles nach Wunsch und Wille gelingen ließe, würden selbst die Gottlosen tugendhaft leben, damit sie auf dieser Welt schon glücklich würden: sie würden daher tugendhaft leben, ohne Gott zu lieben. Es wäre dann kein Unterscheid zwischen einem Gottlosen und Gottliebenden, (wenigstens nach außen hin). Daher gibt Gott dem Tugendhaften die Belohnung nicht auf dieser Welt, sondern behält selbe ihm für die Ewigkeit vor. Und damit wir geprüft werden, ob wir aus Liebe zu Gott tugendhaft seien, hat uns Gott durch die heiligen Schrift schon vorhersagen lassen, dass Er denen, die sich bereiten, den Weg des Herrn zu wandeln, mancherlei Versuchungen und Leiden werden zukommen lassen. Aber aus allen werde Er sie wieder erretten, wenn sie ihm getreu bleiben. Daher sagt König David: „Viele Trübsale kommen über die Gerechten, aber aus allem wird sie der Herr erretten“. Und der heilige Apostel Paulus sagt: „Gott züchtigt jedes Kind, das Er zu Gnaden aufnimmt“. Und warum sollten wir und die göttliche Züchtigung nicht gefallen lassen, da Gott sie uns aus Liebe zuschickt und sie zu unserem zeitlichen und ewigen Heile nötig ist? Darum spricht der Apostel Paulus: „Wenn wir uns die Züchtigung von unserem leiblichen Vater gefallen lassen, der uns doch nur mutmaßlich züchtigt, warum sollten wir uns die Züchtigung von Gott nicht gefallen lassen, der doch unser wahren Glück dadurch beabsichtigt“. Daher heißt es in der heiligen Schrift weiter: „Wenn Gott lieb hat, den züchtigt er“ und „Leiden sind Kennzeichen der Liebe Gottes – Leiden sind Merkmale der Auserwählten“. – Wenn wir das alles bedenken, wie sehr muss es uns erfreuen und zu Geduld und Standhaftigkeit ermuntern!

Was ich euch, meine Kinder, hier schreibe, das ist mir selbst alles zuteil geworden. Gott hat mich mit mancherlei Versuchungen heimgesucht und mir viele Leiden zugeschickt, aber aus allem hat mich der Herr errettet. Auch die Verheißung hat Gott an mir erfüllt, wo Er sagt: „Am Ende deines Lebens wird es dir wieder wohl ergehen“. Denn da ich euch dies schreibe, feiere ich gerade mein 68. Geburtsfest, und es geht mir in dem hohen Alter besser, als in meiner Jugend, obwohl das Alter selbst schon Krankheit ist, besonders bei meinem schwachen Körper.

Nun erwarte ich noch die allerletzte Verheißung Gottes, die sich schon mit auf das ewige Leben bezieht, wo es heißt: „Mit Vielheit der Tage will ich dich sättigen und dir zeigen mein Heil –„. Nun, mit Vielheit der Tage hat mich Gott gesättigt; jetzt bitte ich täglich um das Letzte: Mir zu zeigen sein Heil, das ich mir in der Liebe Gottes vorstelle; denn ich wünsche nur die Liebe Gottes zu erlangen und in seiner Liebe finde ich meine größte Freude, mein größtes Heil. Zu meiner größten Freude glaube ich, von der Liebe Gottes von Kindheit auf überzeugt zu sein; denn nach der Aussage meiner Eltern hatte ich nicht Hoffnung, acht Jahre zu leben, weil ich von Geburt aus immer kränklich, so dass man mich bis drei Jahre fasst immer tragen musste. Wer hätte geglaubt, dass ich, das beständig kränkende Kind, mit 68 Jahren noch schreibe und arbeiten werde, wie ich wirklich am Webestuhl arbeite. – Daher sage ich meinem himmlischen Vater meinen innigsten Dank.

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Liebe Kinder!
Heute, am 26. September 1859, schreibe ich euch vom Krankenbette aus, auf welches mich Gott am 8. September unvermutet durch eine Entzündung am linken Fuße geworfen hat, also abermals eine Leidenszeit, zwar eine Krankheit, die ich in meinem Leben schon einige Mal hatte, jedoch niemals in so starker Entzündung. Ich befürchtete schon den Brand und dadurch den Tod. Allein, Gott hat mich noch einmal geheilt und zu eurem Besten aufstehen lassen. Dafür sage ich meinem Gott den innigsten Dank.

Meine Kinder, wenn auch ihr krank werdet, sei es schon in eurer Jugend oder im Alter, bereitet Euch gleich zum Tode und denket, dass eine Krankheit ein Bote Gottes ist, der uns sagt: „Bereite dich und bringe alles in Ordnung; denn du weist nicht, zu welcher Stunde der Herr kommen wird, zu Mittag oder um Mitternacht, damit du Rechenschaft über deine Haushaltung ablegen kannst“. Die wahre Vorbereitung zu einem seligen Tode aber ist ein tugendhaftes Leben; denn ohne ein tugendhaftes Leben würde die letzte Vorbereitung euch nicht viel nützen, wenngleich sie nicht zu unterlassen ist.

Wenn ihr krank werdet, so bedient euch des Arztes und er Arzneimittel; denn Gott hat die Ärzte die Kunst gelehret, die Krankheiten und die Mittel dagegen zu erkennen und hat den Arzneimitteln die Kraft verliehen, unsere Krankheiten zu heilen. Daher heißt es in der heiligen Schrift: „Gott hat den Arzt und die Arzneimittel zu seinem Besten erschaffen und ein weiser Mensch wir sie nicht verachten“. Helfen aber diese Mittel nicht, so verzaget nicht; denn was heute und morgen nicht hilft, kann in wenigen Tagen helfen. Und geschieht es auch dann nicht, so denke: Gott will, dass ich eine Zeit leide, bis es ihm gefällig sein wird, mich gesund zu machen. Übe dich in der Geduld, in der Ergebung in den göttlichen Willen und wende das Übel der Krankheit zu dem an, wozu es Gott gibt, nämlich zur Besserung der Seele; denn Gott gibt oft seinen Auserwählten längere Krankheiten, damit sie die Eitelkeiten der Welt besser einsehen lernen, sich von ihren Fehlern reinigen, welche wir in gesunden Tagen und im Gewirre der Welt zu leicht begehen, ohne darauf zu achten, und für die Ewigkeit sich vorbereiten, was doch der Hauptzweck unseres Lebens ist, woran zu denken wir in gesunden Tagen durch unsere Geschäfte zu sehr gehindert werden.

Wir sollten übrigens stets daran denken, dass wir nur einmal auf dieser Welt leben, nur einmal die Gelegenheit haben, die ewige Glückseligkeit, den Himmel zu erwerben. Lassen wir dieses eine Mal die schöne Gelegenheit unbenützt, so sind wir, statt ewig glücklich zu sein, ewig unglücklich. Welch ein schrecklicher Gedanke! Wenn ihr das betrachtet, werdet ihr leicht einsehen, dass eine längere Krankheit zum größten Nutzen der Seele gereichen kann.

Ich könnte euch, liebe Kinder, noch viel von diesem Gegenstande schreiben, allein ich hinterlasse euch Bücher, die euch diese Wahrheiten besser und deutlicher erklären als ich imstande bin. Daher achtet dieser Bücher, wenn sie auch alt sind, und leset, so oft es eure Umstände erlauben, und ihr werdet zeitliches und ewiges Glück einernten. Aber bittet Gott dabei, das er euern Verstand erleuchte, damit ihr den Sinn des Gelesenen verstehet und auch die Neigung und Kraft erlanget, nach demselben zu leben. Denn es liegt eine große Weisheit in den göttlichen Schriften verborgen, welche der bloß weltlich gesinnte Mensch nicht begreift, weil zur Erkenntnis des göttlichen Wortes die Gnade und Erleuchtung des hl. Geistes erfordert wird, welche der Weltmensch nicht hat.

Liebe Kinder! Wie es sich mit den Krankheiten verhält, so verhält es sich auch mit den Unglücksfällen. Gott schickt oft gerade denen, die Er liebt, Unglücksfälle, welche ihnen die irdischen Güter raubt, sodass sie in Armut leben müssen. Wenn euch, meine Kinder, auch das treffen sollte, so kränket euch nicht darüber, sondern freut und tröstet euch vielmehr in dem Gedanken, dass Gott seine Lieblinge fast alle in Armut lässt. Sehet unseren Heiland, den geliebten Sohn des himmlischen Vaters! Bei seiner Taufe im Flüsse Jordan hat die göttliche Stimme aus den Wolken selbst gerufen: dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören. Und sehet, dieser göttliche Sohn musste in Armut geboren und erzogen werden, seine Lebenszeit in Armut zubringen, wie er selbst sagt: die Füchse habe ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat nicht soviel Eigenes, darauf er sein müdes Haupt legen könnte. Und dieser göttlicher Sohn, wen hat er sich Nachfolgern gewählt? Wie wir wissen, lauter arme Männer. Daraus ersehen wir, dass der niedere, der arme Stand der geradeste Weg zur Seligkeit ist, was wir auch selbst leicht einsehen können: denn die Armut macht Demut, bewahrt vor Müßiggang, vor Unmäßigkeit und vielen anderen Gefahren, welche der Seele nachteilig sind. Demut ist zu jeder Tugend notwendig. Müßiggang verleitet zu vielen Lastern. Daher das Sprichwort: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Unmäßigkeit verleitet den Menschen zur Wollust und vielen Torheiten. Wollust entfernt den Menschen von Gott und verscheucht den göttlichen Geist, erniedrigt den Menschen zum Tier. So müssen wir selbst erkennen, dass und Gott zur Erlangung der Seligkeit keinen schicklicheren Weg vorzeigen konnte als der niedern, den armen Stand.

Dabei dürft ihr, meine Kinder, aber nicht denken, Gott wolle, dass wir unser Leben in Not und Elend zubringen müssen, nein, das will Gott nicht; sonst würde es in der hl. Schrift nicht heißen: „Diejenigen, die auf Gott vertrauen, leiden an keinem Gut Mangel.“ Das ist aber nicht so gemeint, als ob die Guten alles in Überfluss besitzen müssen, sondern so, dass Gott den Tugendhaften immer geben wird, was zu ihrem Lebensunterhalt erforderlich ist. Gott gibt dem Armen Gesundheit, sodass er arbeiten und sich seinen Lebensunterhalt erwerben kann. Und ist er vernünftig und tugendhaft, dann ist er auch sparsam und mit dem Nötigen zufrieden. Fehlt es ihm aber wirklich an etwas, so ersetzt ihm dies sein frommer und tugendhafter Sinn, für Gott aber aus Liebe zu Gott etwas entbehren zu könne. Und das macht ihn zufrieden und glücklich.

Wer ist also wahrhaft glücklich? Nicht, wer viel hat, sondern der, welcher mit dem, was er hat, zufrieden ist und dabei ein tugendhaftes Leben führt. Denn durch ein tugendhaftes Leben entsteht ein gutes Gewissen, durch das gute Gewissen der öftere Aufblick zu Gott oder, wie man zu sagen pflegt, der Umgang mit Gott. Aus diesem Umgang mit Gott entsteht in der Seele eine innere Freude, welche der Mensch, der sie empfindet, nicht auszusprechen vermag; denn es ist eine übernatürliche, himmlische Freude, oder besser gesagt, ein Vorgeschmack der ewigen Glückseligkeit. Diese Freude, dieses innere Glück aber sieht kein Weltmensch an dem Tugendhaften, der, wenn auch arm, so doch viel glücklicher ist als der Lasterhafte, wenn der auch alle Reichtümer besäße und alle Lüfte der Welt genösse. Bei den Weltmenschen sind alle Freuden sichtbar, weil sie sich bloß auf irdische Dinge beziehen, bei den tugendhaften Menschen aber sind die Freuden unsichtbar, weil sie bloß geistig in der Seele des gottliebenden Menschen wohnen. Nur deswegen glauben die Weltmenschen und sprechen es auch oft aus, dass der Tugendhafte beständig ein trauriges Leben führen müsse. Indes genießt der Tugendhafte schon auf dieser Welt zeitweilig die himmlischen Freuden, wogegen der Lasterhafte bei allen seinen gesuchten Vergnügungen, besonders wenn er allein und in der Einsamkeit ist, die Gewissensbisse so schmerzhaft empfindet, dass ihm alle Freuden verbittert und das Leben zur Qual gemacht wird und er die höllischen Qualen, von denen er doch nichts wissen will, schon hier empfindet.

 

Dem Aufschriebe entnommen: Das Buch wurde im Jahre 1852 bis 1859 geschrieben.


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