HÖFLICHKEIT

Die wahre Höflichkeit erkennt gleichzeitig das höhere menschliche Ich wie die geistige Vereinigung der höheren Ichwesenheiten in einer freien Gemeinschaft an.

Wahre Höflichkeit ist dagegen die freie Vereinigung mit dem höheren Wesen des Begenenden. Wir erleben uns in ihm und bezeugen dem uns geminesamen Geiste Achtung.

Die wahre Höflichkeit geht aber noch weiter. Sie erlebt sich nicht nur in dem höheren Wesen des Begegnetem, sondern auch dieses in sich selbst. Sie fühlt sich daher für diesen verletzt, wenn es ihm nicht gelang sich in Wort und Tat so auszusprechen, wie er in Wahrheit ist. Dieses Verletzungsgefühl ist weit unerträglicher als die Peinlichkeit eigenen Versagens.

„Höflichkeit ist die Blüte der Menschlichkeit. Wer nicht höflich genug ist, ist auch nicht menschlich genug.“
Joseph Joubert

Höflichkeit braucht Zeit. Um sie zu üben, muss man verweilen, warten, Umwege machen; muss Rücksicht nehmen und deswegen das Eigene zurückstellen können. Tatsache ist aber auch, dass heute überall die Höflichkeit zerfällt. Das soll keine „Kulturkritik“ sein, sondern auf etwas aufmerksam machen, das alle betrifft. Unser Leben wird, vom Wissenschaftlich-Technischen her, weithin durch den Charakter der „Sachlichkeit“ bestimmt. Mit diesem Wort ist einmal gemeint, dass die Aufmerksamkeit auf das gesammelt sei, was die Sache – die betreffende Arbeit, der zu erreichende Zweck – verlangt; und deswegen aber auch die Neigung, in Form und Vorgang das Überflüssige wegzutun, geradezu und ohne Umweg auf das loszugehen, worum es sich handelt.
Matthias-Grünewald-Verlag Mainz Verlag Ferdinand Schöningh Paderborn Franz Henrich

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